Insel Rügen im Herbst: Sommer kann jeder!

Eine Woche Urlaub auf der Insel Rügen ist vorbei, wenig Zeit an sich – doch prall gefüllt mit Erlebnissen. Selbst nach den vielen Jahren „Routine Urlaub“, bietet mein Rügen immer wieder Akzente die reizen und begeistern. Viel Spaß bei diesem Rückblick während der bunten Jahreszeit!

Wandern – nur eben etwas weiter

Nach der Ankunft und einer fast erschreckend problemlosen Fahrt, ohne Stau oder sonstige Beeinträchtigungen, wurde der erste Tag zum entspannen und ankommen genutzt. Tag 2 stand dafür etwas mehr körperliche Betätigung an, nennen wir es geschönt esoterisches Wandern. In Zahlen wären das 26 km durch die eindrucksvolle Natur auf der Halbinsel Jasmund, quer durch die Stubnitz (dem Buchenwald), entlang durch kleine Orte wie Lohme und winzige Orte wie Rusewase.

Eine der schönsten Ecken auf der Insel Rügen – Jasmund eignet sich perfekt zum Wandern!

Wie auf der Karte gut zu erkennen, startete unsere Wandertour im kleinen Örtchen Lohme. In Richtung Nipmerow vorbei am Friedhof und dem Mammutbaum, war das erste Ziel Groß Volksitz. Zu entdecken gibt es dort weder Architektur noch besondere Highlights, „nur“ die Natur und wirkliche schöne Aussichten auf den Bodden. Für ungeübte Wanderer könnten die alten Pflasterstraßen eine kleine Hürde darstellen, ich finde: der Reiz gewinnt. Lieber so, als stur über den seelenlosen Asphalt zu bügeln

Der alte Kreidebruch bei Rusewase / Promoisel. Bei Sonnenschein knallt das Weiß der Kreide förmlich, abgebaut wird hier immer noch.

Vorbei am Kreidebruch, wo Schatzsucher nicht sooo selten anzutreffen sind, geht es durch das charmante und winzige Örtchen Promoisel. Einwohner? Mehr als 10 werden es nicht sein. Die Zeiten von spielenden Kindern sind hier leider längst vorbei, die Ansammlung von schönen Häusern und leerstehenden Häusern verzerrt die Idylle etwas. Weit abseits vom Tourismus der WOW und MEGA Attraktionen, mit denen Rügen Touristen locken will, bleiben solche Gemeinden auf der Strecke. Ein tränendes Auge, dass eine lebendigere Vergangenheit in Bildern malt, verblasst in der Realität. Schön ist es trotzdem hier.

Gleich nach dem See geht es vorbei am Landgut Dargast. Ein paar Wohnwagen zur Miete direkt auf dem Grundstück gibt es hier, Ferienwohnungen sowie Platz für’s Campen. Nicht zu vergessen das Grafitti Kunstwerk, welches zahlreiche Künstler vor auch schon wieder recht vielen Jahren mit Motiven aus der Zeit der Wikinger gestalteten.

Das Grafitti Kunstwerk mit mystischen Motiven wurde von zahlreichen Künstlern aus den neuen Bundesländern gestaltet.

Nach etwas über 10 Kilometern zu Fuß führte uns der Weg in Richtung Sassnitz. Auch hier gibt es eher Schönheit in der Natur zu entdecken. Ein alter (Kuh?) Stall vermittelt den Eindruck, dass hier früher ebenso deutlich mehr los war. Nebenbei kurz angemerkt: die Wanderwege sind durchweg sehr gut ausgeschrieben. Und zur Not bleibt immer noch das Gefühl, dass auf einer nicht allzu großen Halbinsel das Verlaufen nicht unendlich lang dauert. Direkt in Sassnitz beginnt dann auch der berühmte Hochuferweg, entlang der Kreideküste. Im Herbst hat man diesen eigentlich durchweg für sich allein, im Sommer ist das Getrampel anderer Menschen schon etwas intensiver.

Die letzten 10 Kilometer führen ab Beginn des Hochuferwegs direkt durch den Nationalpark am Königsstuhl. Ein prächtiger Buchenwald, der leider zuletzt etwas leiden musste und viel Unverständnis seitens Besuchern, als auch Einheimischer provozierte: Kahlschlag in der Stubnitz. Öffentlich argumentiert wurde mit Wegesicherung. Eine eher arme Umschreibung, vor allem an Stellen wo gar kein Weg mehr ist. Man schluckt die Aussage der Fachleute, oder muss es. Hat einen bitteren Beigeschmack. Und damit endet unsere Wanderung: Ankunft bereits bei Dunkelheit in Lohme. Knülle, aber happy

Pizza essen in Sassnitz, das muss!

Das ist mir doch jetzt glatt eine Überschrift wert! Sassnitz ohne Pizza futtern? Geht gar nicht! Direkt am Hafen liegt das Restaurant Portofino. Jetzt mal ohne Bewertungsportale zu schmökern, wo eh immer alles super oder alles super schlecht ist – bisher waren meine bestellten Speisen (=Pizza) immer sehr, sehr lecker im Portofino. Das war auch im Herbst nicht anders. Uns hat es geschmeckt, Beweisfoto von der Ware…schon angeknabbert, sorry:

Irgendwie…könnte ich mich davon jeden Tag ernähren. So als Wegzehrung für die Wanderung natürlich, einfach zu lecker

Der Spaziergang nach der Mahlzeit führte entlang der Ostsee, etwas quer durch Sassnitz. Die Seebrücke ist leider geschlossen, Betreten verboten. Schönes Wetter und wenig Andrang lassen diese große Stadt, also für die Verhältnisse auf der Insel Rügen, strahlen. Klar, auch hier wieder mit etwas Beigeschmack. Wo Einheimische wohnen lässt sich ziemlich schnell erkennen, im Gegensatz dazu wo Gäste das Kapital auf der Insel lassen. Doch dazu gleich mehr.

Lost Place: Das Kinderheim von Lohme

Traurig ist es, das Areal um das alte Kinderheim im kleinen Ort Lohme, umweht von einem melancholischen Hauch der Vergangenheit. Wo einst gut 150 Kinder untergebracht waren, ist nun die Einsamkeit eingezogen. Kinderlachen, Kinderweinen – verschwunden. Es ist spannend kurz hier einzutauchen und sich vorzustellen, wie dieses große Gebäude gewirkt haben muss, als ein Wirrwarr an Stimmen durch die Gänge hallte. Die Lage direkt an der Steilküste ist grandios, das verwilderte Grundstück würde so viel Potenzial für mehr bieten. So bleibt nur der Verfall, sich hebende Böden, bröckelnde Wände, gespenstische Bäder.

Nach dem Tief das Hoch, der Baumwipfelpfad bei Binz

Genug vom Trübsal, am nächsten Tag ging es hoch hinaus. Das Naturerbe Zentrum Rügen in Prora ist nun doch ein Highlight für Groß und Klein. Wissen oberhalb und unterhalb der Baumkronen in Form zum anfassen, probieren und testen. Überhaupt nicht langweilig präsentiert, für Kinder ein Abenteuer ohne bunte Animationen. 3D ist hier nur die Natur, der Wald und die fantastische Aussicht. Gut zu wissen: der Baumwipfelpfad ist dank Fahrstuhl und breiter Wege auch für Menschen mit Hindernissen zu bewältigen. Die 10 Euro Eintrittspreis für Erwachsene sind angebracht, Kinder bis 14 Jahren zahlen 8 Euro, Kinder unter 6 Jahren dürfen kostenlos rein und für 21 Euro gibt es zudem ein Familienticket.

Gedanken und Eindrücke

Es war eine sehr schöne Woche auf Rügen und da im Urlaub nicht gemeckert werden soll, möchte ich zum Schluss noch einige Gedanken und Eindrücke mit euch teilen. Nach nun doch schon über 15 Jahren auf dem Inselchen, stellt sich so langsam ein Feeling ein. Auch spürt man Entwicklungen und Tendenzen genauer.

Reizwort „Massentourismus“ und dieses Wort plagt mich schon deutlich, zumal in meiner Hood auf Jasmund. Was dort für Pläne die Runde machen, da kann ich nur noch wild gestikulieren, fluchen, schreien. Ich möchte das an der Stelle nicht breit treten, wer mehr wissen möchte sollte sich diese Gruppe auf Facebook genauer anschauen: Bewahrt Lohme. Nur ganz kurz: ein Ort mit um 500 Einwohner soll einen riesigen Wellness Komplex mit fast 500 Betten erhalten. Ein Projekt, dass an Größe als auch Infrastruktur heftig daneben geplant wird und wo bereits vor dem ersten Stein die Pleitemöwe darüber kreisen wird. Ein Bürgermeister, der kritische Stimmen gern überhört oder diese sogar komplett leugnet. Jedenfalls, der Nerv total

Das ist Glowe, nicht zur Hauptsaison. Bedeutet: tote Hose, viele neue Häuser ohne Leben. Ein Trabantendorf für Urlauber.

Und wo wir schon dabei sind, noch so ein Reizwort: „Bauboom“. Sicher, die Insel lebt vom Tourismus, zumindest einige (Investoren, Ortsfremde) recht gut. Das Ergebnis sind zugegeben schicke Hotels mit einem breiten Angebot an Wellness & Co, aber leider auch Ferienhäuser ohne Seele. Siehe Glowe. Ein kleines Fischerdorf, das war es mal. Die wenigen Ur-Einwohner bilden inzwischen ein schützenswertes Gut, inmitten von hübschen, neuen Häuser mit Reet und klangvollen Namen. In den hübschen, neuen Häuser lebt nur niemand. Sie werden kurz bewohnt, stehen dann wieder leer, werden aber nie eine Generation erleben. Mich macht das traurig, so sollte es nicht sein. Anderswo kann sich eine Familie nur ein marodes, altes Haus leisten, dort stehen allein in diesem Ort aberdutzende Neubauten – die leer stehen. An Sinnlosigkeit kaum zu überbieten. Eine Investition auf Kosten des ursprünglichen Ortes und so zieht sich das Spiel mit den Touristen leider in sehr vielen Regionen wie ein roter Faden durch die Landschaft.

Ja ich gebe es zu, das war ein ziemlicher Block an Frust. Aber es muss gesagt werden! Es kann nicht sein, dass die Insel und deren Menschen einerseits durch den Tourismus ihre Kröten bekommen sollen, andererseits eben diese Insel und die auf ihr lebenden Menschen die Leidtragenden von dieser Kommerzialisierung sind. Der Touri, mit seinen 1-2 Wochen Urlaub auf der Insel, der merkt davon wenig. Ein heikles Thema. Trotzdem lässt mich diese Insel nicht los und ich hoffe ganz einfach, dass es noch genügend andere Menschen gibt, die kein zweites Sylt möchten.

Markus

Blogger, Naturfreund und einfach gern draußen – der ewige Widerspruch „Büro kontra Freiheit“, das ist Markus ✿ シ

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